Guido Ingendaay: Training und Coaching

METHODEN

Themenzentrierte Interaktion (TZI)


Wie ist TZI entstanden?

Ruth Cohn (1912 – 2010) entwickelte die TZI aus verschiedenen Ansätzen. Als Psychoanalytikerin legte sie Wert auf die Verantwortlichkeit und Einsichtsfähigkeit des Einzelnen. Doch rückten nach ihrer Emigration in die USA Aspekte des sozialen Miteinanders und die gesellschafltlich-ökonomischen Rahmenbedingungen stärker in ihr Blickfeld.

Wie kann der Einzelne zu einem körperlich und psychisch gesunden, lebensfrohen Menschen werden, wenn er sich nur als Einzelner begreift? Spielen denn nicht die lebendige Beziehung zu anderen und die sachliche Auseinandersetzung mit den Aufgaben des Lebens eine zu wichtige Rolle, als dass man sie aus dem individualistischen Therapie-Setting der Psychoanalyse verbannen dürfte?

Durch eigenes Forschen und Experimentieren, dann auch in Auseinandersetzung mit den humanistischen Psychotherapien, besonders der Gestalttherapie von Fritz Perls und der Klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie von Carl Rogers, entwickelte Ruth Cohn ein neues Modell menschlichen Lernens.


Wie funktioniert TZI?
Wenn Sie in einer nach den TZI-Prinzipien geleiteten Gruppe lernen oder arbeiten, dann merken Sie recht schnell, dass häufige Phänomene, die die Arbeit in der Gruppe so anstrengend und mühsam machen, fehlen. Sie werden beispielsweise nicht den Eindruck haben, dass der Leiter nach einem starren Schema vorgeht. Sie selbst sind von Anfang an wichtig, als Teilnehmer, der etwas erreichen will und zum Ergebnis beitragen kann, als Mensch, der aus ganz persönlichen Gründen an einem bestimmten Aspekt des Themas interessiert ist.

Bei TZI-orientiertem Lernen spielt das dynamische Wechselspiel der 4 Faktoren Ich, Wir, Sache und Umgebung eine besondere Rolle. Alle Faktoren werden im Gruppenprozess flexibel ausbalanciert. Sie werden beispielsweise nicht durch übermäßig lange Theorievorträge drangsaliert, sondern kommen auch mit Ihren eigenen Gedanken, Assoziationen und Gefühlen zu Wort. Dabei besteht kein Zwang zur Selbstoffenbarung. Das zwischenmenschliche Element wird nur so weit berücksichtigt, wie es für das Thema wichtig ist.

Stellen Sie sich einmal vor, was in einer Schulklasse passiert, wenn es nur um den Sachinhalt geht und die konkrete Persönlichkeit und Befindlichkeit des einzelnen Schülers keine Beachtung findet. Dann besteht die Gefahr der Entfremdung, des Konformismus und des bloß sachbezogenen Lernens. Oder nehmen Sie ein Beispiel aus der Arbeitswelt: Wenn in einem Projektteam zwar die besonderen Stärken der Einzelnen berücksichtigt werden, dabei aber konkurrenzbestimmte Beziehungen die Arbeitsatmosphäre belasten, ist die Leistungsfähigkeit des Teams deutlich verringert. Erst wenn alle Faktoren aufeinander abgestimmt werden, kann lebendiges Lernen geschehen.


Die 4 Faktoren für lebendiges Lernen
Für das Gelingen eines Lern- und Entwicklungsprozesses ist es nach Cohn entscheidend, die folgenden Faktoren zu berücksichtigen, aber keinen auf Kosten anderer absolut zu sezten. Es geht darum, im Prozess die dynmamische Balance aller Faktoren zu finden.


Ich
Damit ist der einzelne Mensche als geistig-körperliche Ganzheit gemeint. Jeder Mensch ist mehr als seine soziale oder berufliche Rolle. Er lässt sich nicht allein über seine Ideen und Meinungen, sondern auch durch seine Emotionen, seine Körperlichkeit und sein Handeln begreifen.


Wir
Das Wir ist die Beziehung, Begegnung und Gemeinschaft mit den Mitmenschen. Kein Mensch lebt für sich allein, wir sind immer Teil eines Ganzen. Es gibt immer andere, zu denen wir in Beziehung stehen und mit denen wir uns austauschen.


Sache
Damit ist die jeweilige Aufgabe oder Zielsetzung gemeint, die in einer bestimmten Situation dran ist. In der Schule bilden die Ichs der Schüler und des Lehrers ein Wir zum Erreichen eines bestimmten Lernziels. In der Familie bilden die Ichs von Eltern und Kindern ein Wir zur Erfüllung der „Familienziele“.In einer Firma bilden Mitarbeiter ein Team, um Projekte abzuwickeln oder eine Dienstleistung zu erbringen.


Umgebung
Ruth Cohn hat für diesen Faktor das englische Wort ‚Globe’ benutzt. 'Globe' bedeutet Kugel und steht für die Umgebungsbedingungen, die wie eine Kugel die Interaktion der Menschen umgeben und indirekt mitbestimmen. Eine Gruppe kommt beispielsweise in dem Besprechungsraum einer Firma oder in einem Vereinsheim zusammen. Nicht nur der unmittelbare Globe, auch der gesellschafliche und sogar weltweite Globe wirkt immer auf das Geschehen einer Gruppe mit ein.